Türchen 6

Nikolaustag und der zweite Adventssonntag – und eine kleine Weihnachtsgeschichte zum Nachdenken. 

Eine Weihnachtsgeschichte zum Nachdenken

Erzählt von Walter Glas

Es war einmal, etwa drei Tage vor Weihnachten, spätabends. Über den Marktplatz der kleinen Stadt kamen ein paar Männer gezogen. Sie blieben an der Kirche stehen und sprühten auf die Mauer: „Ausländer raus“ und „Deutschland den Deutschen“. Steine flogen in das Fenster des türkischen Ladens gegenüber der Kirche. Dann zog die Horde ab. Gespenstische Ruhe.

 

Die Gardinen an den Bürgerhäusern waren schnell wieder zugefallen. Niemand hatte etwas gesehen. Dann fing es an, in der Dunkelheit zu wispern. „Los komm, es reicht, wir gehen!“ „Wo denkst Du hin? Was sollen wir denn da unten im Süden?“ „Da unten…? Das ist immerhin unsere Heimat. Hier wird es immer schlimmer. Wir tun das, was an der Wand steht: Ausländer raus!“

Und tatsächlich, mitten in der Nacht kam Bewegung in die kleine Stadt. Die Türen der Geschäfte sprangen auf: Zuerst kamen die Kakaopäckchen, die Schokoladen und Pralinen in ihren Weihnachtsverkleidungen. Sie wollten heim nach Ghana und Westafrika, da waren sie zu Hause. Dann kam der Kaffee, gleich palettenweise, des Deutschen Lieblingsgetränk. Uganda, Kenia und und Lateinamerika waren seine Heimat. Ananas und Bananen räumten ihre Kisten, auch die Trauben und die Erdbeeren aus Südafrika. Orangen rollten nach Spanien, Datteln und Feigen in den Orient. Weine und Spirituosen zogen sich gleich containerweise in ihre Heimatländer zurück. Fast alle Weihnachtsköstlichkeiten brachen auf, Pfeffernüsse, Spekulatius und Zimtsterne. Die Gewürze in ihrem Innern zog es nach Indien. Der Dresdner Stollen zögerte. Man sah Tränen in seinen Rosinenaugen, als er zugab: „Mischlingen wie mir geht es besonders an den Kragen.“ Mit ihm ging das Lübecker Marzipan und der Nürnberger Lebkuchen. Nicht Qualität, nur noch Herkunft zählte jetzt.

Der Morgen dämmerte schon, als die Schnittblumen nach Kolumbien aufbrachen und die Pelzmäntel mit Gold und Edelsteinen in teuren, kleinen Chartermaschinen in alle Welt starteten. Der Verkehr brach an diesem Tag zusammen. Lange Schlangen japanischer Autos, vollgestopft mit Optik und Unterhaltungselektronik, krochen gen Osten. Am Himmel sah man die Weihnachtsgänse nach Polen fliegen, auf ihrer Bahn gefolgt von feinen Seidenhemden und den Teppichen aus dem fernen Asien. Mit lautem Krachen lösten sich die tropischen Hölzer aus den Fensterrahmen und schwirrten ins Amazonasbecken. Man musste sich vorsehen, nicht auszurutschen, denn von überall her quoll Öl und Benzin hervor, floss in Rinnsalen und Bächen zusammen in Richtung Irak und Iran. Aber man hatte ja Vorsorge getroffen. Stolz holten die großen deutschen Automobilfirmen ihre Krisenpläne aus den Schubladen: Der Holzvergaser war ganz neu aufgelegt worden. Wozu ausländisches Öl? Alsdann machten sich sogar die lieb gewonnenen Haustiere auf den Rückweg in ihre Ursprungsländer – getreu dem Motto: Nur die Herkunft zählt. Nie wieder würden Blumenzwiebeln aus Holland im Frühjahr aus dem Boden sprießen und blühen, denn auch sie waren der Erde entsprungen und heimwärts gezogen. Feinstes Porzellan aus China verschwand ebenso wie die Gemälde vieler berühmter ausländischer Maler aus den Museen und die Bücher berühmter Schriftsteller aus den Bibliotheken.

Nach drei Tagen war der Spuk vorbei, der Auszug geschafft. Gerade noch rechtzeitig vor dem Weihnachtsfest. Nichts Ausländisches war mehr im Land. Aber Tannenbäume gab es noch, Äpfel und Nüsse. Und „Stille Nacht“ durfte gesungen werden, allerdings nur mit Sondergenehmigung, kam das Lied doch aus Österreich! Nur eines wollte nicht ins Bild passen: Maria, Josef und das Kind waren geblieben. Drei Juden, ausgerechnet! „Wir bleiben“, sagte Maria. „Wenn wir aus diesem Land gehen, wer will ihnen dann noch den Weg zurück zeigen? Zurück zur Vernunft und Menschlichkeit?“